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Mittwoch, 04. Mai 2005

Kommunikation...

Eines der schwierigsten Aufgaben der Kirche heute ist die adäquate Kommunikation ihrer Ansichten und Anliegen in der Öffentlichkeit. Ich habe den Eindruck, dass dies - auf jeden Fall in den deutschsprachigen Ländern - nur sehr ungenügend geschieht (insbesondere im Bereich der Morallehre).

Im historischen Kontext gesehen ist das Phänomen des "cafeteria Catholicism" ("pick and choose") gar nicht so überraschend: als die Babyboomer noch Kinder waren, wuchsen sie in einer sehr streng reglementierten Gesellschaft auf. Dann kamen plötzlich das II. Vatikanische Konzil, die Sechziger - und man glaubte, jetzt könne man wirklich alles machen und "sich befreien". (Auch durchaus verständlich, wenn man an das oftmals muffige Umfeld der Nachkriegszeit denkt.)

Innnerhalb der katholischen Kirche führte das dazu, dass die Morallehre der Kirche (die in mehrheitlich katholischen Ländern wohl schon immer ein bisschen mit einem Augenzwinkern gesehen wurde) nun vollkommen obsolet erschien. Früher war sie noch im Einklang mit allgemeinen gesellschaftlichen Werten und mit der Gesetzgebung gestanden - nun plötzlich nicht mehr. Die offizielle Kirche hielt jedoch - insbesondere mit der Enzyklika Humanae Vitae von Paul VI. und später dann mit den Schriften von Johannes Paul II. - weiterhin an ihrer alten Lehre fest.

Natürlich fragte man sich: können die sich denn nicht ein bisschen an die heutige Welt anpassen? Wie kann man denn Leuten denn zumuten, in der Zeit der allgemein verbreiteten Frauenarbeit und der kleinen Wohnungen freiwillig auf künstliche Empfängnisverhütung zu verzichten? Oder: endlich werden nicht-eheliche Beziehungen, nicht-eheliche Kinder nicht mehr stigmatisiert - und die Kirche beharrt trotzdem auf die Verbindung von Ehe und Kindern? Schrecklich...

Heute hat sich das Bild allerding etwas gewandelt: neue Debatten um sinkende Kinderzahlen in Europa, Euthanasie, Klonen, Homo-Ehe, Scheidungszahlen, Abtreibung haben diese Themen wieder in den Mittelpunkt gerückt und in manchen Fällen (wie der niedrigen Geburtenrate) auch aufgezeigt, dass die Verweigerung des Kinderkriegens, die für den Einzelnen/die Einzelne durchaus Aspekte von vermehrter persönlicher Unabhängigkeit in sich trägt, im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang katastrophale Konsequenzen haben kann.

Heute beginnen sogar schon manche kirchen- bzw. katholizismusfernen Leute (z. B. Rüdiger Safranski) aus diesen und anderen Gründen ein bisschen die Vorteile der katholischen Lehre in diesen Bereichen zu sehen. Auch die sehr selbstbewusste orthodox katholische (Blogger-)Community in den USA zeigt auf, dass man sehr wohl als begeisterter Katholik ganz nach der Lehre der Kirche leben kann.

In Europa hat die Kirche allerdings weiterhin ein Kommunikationsproblem in diesen Fragen. Während manche mit der Einstellung der Kirche zur Euthanasie durchaus etwas anfangen können (auch viele nicht-gläubige Leute - gerade im Zusammenhang mit dem Fall Terri Schiavo), schlägt anderen Bereichen der kirchlichen Lehre weiterhin starke Ablehnung entgegen, insbesondere unter liberalen Katholiken.

Dabei habe ich allerdings meist den Eindruck, dass das Hauptproblem dabei ist, dass viele Leute von dem ganzen System der katholischen Morallehre nur einige, in den Medien immer wieder herausgepickte Stichwörter kennen, nicht jedoch den gesamten Gedankenaufbau, der dahinter steht. (Ähnlich ist es übrigens in der Frage der Frauenordination.) Das größte Problem ist dabei wohl auch, dass es Priestern aus pastoraler Sicht wohl meist unzumutbar erscheint, auf diese Themen öffentlich einzugehen (falls sie selbst überhaupt die Ansichten der Kirche in diesen Fragen vertreten).

Ein Aufruf etwa zu "kein Sex vor der Ehe" würde in Europa fast nur als "dämliches Zeug unaufgeklärter und verklemmter religiöser Fanatiker in Amerika" gesehen und ausgelacht. Kaum ein Priester hier würde dieses Thema vor den Gläubigen ansprechen, um sich nicht der Lächerlichkeit preiszugeben. Ähnliches gilt für die Ablehnung der künstlichen Empfängnisverhütung. Allein schon bei solchen Stichwörtern entsteht übrigens bei vielen Gläubigen eine Ablehnungshaltung, die eine tiefere, persönliche Auseinandersetzung mit diesen Fragen verhindert.

Gleichzeitig bin ich aber davon überzeugt, dass viele "umstrittene" Fragen der katholischen Lehre (sowohl moralische [Ehe, Kinderkriegen, Abtreibung, Euthanasie], als auch organisatorische [Hierarchie, Priestertum], disziplinäre [Zölibat] und Glaubensfragen [Auferstehung, Jungfräuliche Geburt, Transsubstantiation]) sehr wohl vermittel- und erklärbar sind - insbesondere gläubigen Katholiken, die sich darauf einlassen wollen. Einen ersten Beitrag wollte ich mit meiner Frauenordinations-Geschichte leisten, die dann durchaus rege kommentiert wurde. Andere sollen folgen...

Ich setze übrigens gerade deswegen große Hoffnungen in Papst Benedikt XVI.: nämlich dass er den Gläubigen - vor allem den jungen Leuten - vieles von diesen Dingen in einfachen und einleuchtenden Worten erklären kann, ohne in salbungsvolles Geschwafel zu verfallen, wie leider nur allzuviele Priester und Kirchenvertreter. Gleichzeitig wird es aber in Zukunft wichtig sein, dass es auch in den katholischen Medien und unter den Theologen Stimmen gibt, die überzeugend und authentisch die Lehre der Kirche vermitteln können: und zwar weder als eine zu verdrängende Peinlichkeit, noch als einen bedrückenden und strengen "Käfig" von Regeln, sondern als ein kohärentes System, in dem der einzelne Mensch im Einklang mit Gott und seinen Mitmenschen erst zur vollen Entfaltung kommen kann.

***

ERGÄNZUNG:
Martin bringt in seinem Blog seine eigenen Gedanken zum Thema. Dazu möchte ich noch sagen: es stimmt schon, dass die Grundlagen des Glaubens - insbesondere in der Schule - besser vermittelt gehören und sich das Christentum nicht auf "seid lieb zueinander" reduzieren lässt. (Eine Anekdote der Mutter meines Freundes - einer pensionierten Mittelschullehrerin - aus den Siebzigern: im Klassenbuch sah sie mal als Thema einer Schulstunde ihrer Religionslehrerin-Kollegin "Der Löwenzahn"...)

Ich habe hier allerdings eher die Vermittlung dessen gemeint, dass Katholischsein auch eine Lebensform (wenn man so will) ist, und sich nicht auf ein paar wischiwaschi-Nettigkeiten und soziales Engagement reduzieren lässt - denn was soll daran schon so spezifisch christlich sein?

4 Comments:

Anonymous Philipp said...

Hallo Petra,

auch wieder ein nettes Thema, in das ich mich gerne einklinken möchte! Warum? Weil ich den Eindruck habe, daß hier die römische Kirche einmal von den evangelischen lernen kann (ja, ich weiß, daß das in vielen Punkten andersherum sein mag).

In den christlichen Gruppen, die ich so kenne (Ortsgemeinden, ESGen und KHGen, Hauskreise, Bibelkreise und Kolpingfamilien), sind moralische Fragen (neben dem Lieblingsthema Sexualmoral auch allerlei andere "unmoderne Vorschriften") in den evangelischen Kreisen wesentlich akzeptierter. Während etwa in den KHGen die Partnerschaften munter wechselten, ging in der ESG immer alles ganz keusch zu (aus unserem Bibelkreis sind zwar viele Ehen hervorgegangen, aber die konnten auch alle bis zur Ehe warten).

Warum? Mein Eindruck: gerade weil man als Evangelischer erzogen wurde, alles zu hinterfragen. Kein Gebot und kein Verbot sind einfach "immer schon so gewesen". Alles steht im Lichte unserer Zeit auf dem Prüfstand. Und diese Prüfung ergibt etwa im Falle "Sex vor der Ehe" einfach: das ist keine überkommene Reinigungsvorschrift, keine einschränkende Auflage, sondern eine wichtige Hilfestellung, um ein glücklicher Mensch zu werden. Schließlich kann man alternativ auch die Erkenntnisse der Verhaltensbiologie heranziehen: langfristig macht der Mensch sich sexuell unzufrieden, wenn er seine monogame Natur ignoriert.

Ein Bild: die römische Mama Kirche sagt ihren Kindern: es ist verboten, vom Teig zu naschen, sonst bekommt ihr Ärger. Die evangelische Mama Kirche sagt: wenn ihr zuvielTeig nascht, bekommt ihr Bauchschmerzen; wartet lieber, bis der Kuchen fertig ist, der ist lecker und bekömmlich. Wessen Kinder werden eher ihre Finger aus der Schüssel lassen?

Es geht (wie Du schriebst) darum, daß überhaupt eine "tiefere, persönliche Auseinandersetzung" mit den Fragen stattfindet. Dadurch mache ich die moralische Regel zu meiner eigenen und kann mit den Psalmisten von der "Lust am Gesetz" singen. Kann mit Freude fasten, weil ich mich durch den Verzicht besser fühle. Kann gerne abgeben, weil ich die Früchte des Teilens wahrnehme. Und so weiter.

Die toten Hosen sangen "ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dahin so schwierig ist". Oje, wie ist die Morallehre bei denen angekommen! Jungs, dieser schwierige Weg selbst ist das Paradies! Sie haben das nach Exerzitien im Kloster geschrieben.

Zum Schluß mein Lieblingsbild zum Thema: wer einen komplizierten Apparat besitzt, wird ganz freiwillig in die Bedienungsanleitung schauen, wenn er mit der Bedienung oder Pflege nicht mehr weiterweiß. Unser Leben ist ein kompliziertes Ding, und die "Erstauflage der Bedienungsanleitung" enhält immer noch alle Regeln, um mit diesem Gerät glücklich zu werden (auch wenn ein paar Besonderheiten der aktuellen Gerätegeneration nicht explizit erklärt werden).

Hat sich bei einem Computer schon einmal jemand beschwert "die Idioten verlangen in der Bedienungsanleitung, ich soll das Ding vor Feuchtigkeit schützen. Pah! Ich lasse mir doch von denen nichts vorschreiben! Ich nehme den jetzt mit in die Badewanne!" Mit dem Leben machen das aber viele so, wenn man Ihnen falsch mit diesen Regeln kommt.

5/06/2005 08:09:00 AM  
Blogger Petra said...

Lieber Philipp!

Vielen Dank für Deinen interessanten Beitrag! Ich war mir dessen gar nicht bewusst, dass es in der evangelischen Kirche auch in Deutschland derartige Strömungen gibt. Es ist schön, wenn Christen in der letzten Zeit in vielen Ländern gerade in moralischen Fragen (etwa auch bei Abtreibung, Gentechnik oder Euthanasie) sich ihrer Gemeinsamkeiten immer mehr bewusst werden. Ich bin mir ja auch sicher, dass bei der Renaissance der traditionellen Sexualmoral in katholischen Kreisen in den USA sicher das große öffentliche Engagement der evangelikalen Christen in diesen Fragen maßgeblich beteiligt war.

Die beiden Bilder von der "Mama Kirche" finde ich sehr treffend: Du hast Recht, die katholische Kirche sollte viel stärker als bisher versuchen, mehr das Überzeugen in den Vordergrund zu stellen, anstatt einserseits auf der Basisebene beschämt zu schweigen, und andererseits aus Rom wuchtig zu predigen. Bei dieser Diskrepanz ist es nicht überraschend, dass dann der arme Durchschnittskatholik die Welt nicht mehr versteht... Natürlich sind die allgemeinen Richtlinien und deren theologische Erklärung aus Rom wichtig: doch liegt es an den Gemeinden, sogar an den einzelnen Christen, dies unter die Leute zu tragen. Nur durch ein gelebtes Zeugnis der Christen in der Welt können diese Dinge auch für andere Menschen überzeugend werden - ähnlich wie in den Gemeinschaften, die Du beschrieben hast. Hier sind übrigens besonders die Laien gefordert: Leute, die sich womöglich von den "zölibatären Pfaffen" zu Sex & Beziehungen nichts sagen lassen, können durch das Zeugnis anderer Laien vielleicht mehr Verständnis für diese Dinge bekommen.

5/06/2005 07:08:00 PM  
Anonymous Philipp said...

Zu diesem Zeugnis gehört natürlich im ersten Augenblick etwas Überwindung -- man ist nicht gerade gewohnt, mit Dritten über die eigene Sexualmoral zu sprechen. Dadurch ergibt sich aber gerade das bedenkliche Ungleichgewicht: die Hemmungslosen breiten ihre (wahren oder übertriebenen) Geschichten im Freundeskreis oder in der Talkshow aus, während unsereins verschämt schweigt. Also denkt der Durchschnittsteenie, er sei anormal, weil er mit 15 noch Jungfrau ist. Da habe ich mich dann irgendwann überwunden zu erzählen, daß ich bis zum zarten Alter von 24 Jahren nicht einmal ein Mädchen geküßt habe (und mit jener ersten habe ich mich umgehend verlobt, bin ich heute reichlich glücklich verheiratet und habe einen Haufen Kinder hier rumrennen). Ja, solche Biographien sind sicherlich nicht so selten, wie die Medien uns einreden. Und sie lohnen sich. Wenn man so etwas einmal bekannt hat, kommt es einem nicht mehr so seltsam vor, zumal man weiß, daß man ein wirksames Gegengewicht setzt (natürlich in Kreisen, wo man auch als Vorbild taugt! Wenn man sowieso als komischer Kauz angesehen ist, kann man sich das wohl sparen.)

Wobei ich die "zölibatären Pfaffen" gerne auch in Schutz nehme: die haben den Vorteil, neutral urteilen zu können, ohne ihre persönliche Erfahrung (unbewußt) in ihre seelsorgerische Aufgabe einfließen zu lassen.

Nur haben die Kirchen es als Moralinstanz auch heute schwer, werden auch jenem Denken unterworfen, von dem sie die Welt heilen sollen: "Zuerst wird die allgemeine Orientierungslosigkeit in der Welt beklagt; daraus werden Erwartungen an die Kirche abgeleitet, an deren Erfüllung die Brauchbarkeit der Kirche gemessen wird." So hat den Irrsinn Wolfgang Huber einmal im Publik-Forum auf den Punkt gebracht (einer der lichten Momente, für die sich das Abo lohnt), aber es hätte wohl auch von Ratzinger kommen können.

Wir leben in einer Welt, in der sich der Weltmachtführer vom Papst seine Geschäfte erklären lassen soll, aber aus dem Seelenheil seiner Schäfchen soll er sich bitte heraushalten ...

5/06/2005 09:00:00 PM  
Blogger Petra said...

Ja, Du hast schon Recht, dass diese Dinge doch sehr privat sind und auch nicht unbedingt jeden angehen. Ich habe jetzt also auch nicht unbedingt gemeint, dass man mit einem T-Shirt "Ich warte bis zur Ehe" herumrennt (obwohl - in den USA wäre das sicher kein Problem :-)). Sondern eher, dass man vielleicht mal zu irgendwem in einem entsprechenden Gespräch unter entsprechenden Umständen äußert, dass man diese Dinge sinnvoll findet - und falls der dann unbedingt nachfragen will, kann man ja auch auf persönlicher Ebene noch diskutieren...

Ja ja, die Zeiten, in denen etwa die "Liebe, Sex und Zärtlichkeit"-Seiten von BRAVO der Maßstab für die eigene "Normalität" waren... Erst mit 16 kam ich ja drauf, dass es völlig normal ist, wenn ein Mädchen mit 16 ihren ersten Freund hat (wie ich damals), und nicht schon mit elf, wie BRAVO suggerierte. Bei den meisten männlichen Personen in meinem Umfeld war es überhaupt frühestens mit 18-19 soweit....

Dazu noch ein interessanter Zusatz: ausgerechnet D. H. Lawrence, der gemeinhin als der Sexmaniac unter den Schriftstellern gilt, hat in seinem schönen Nachwort zu "Lady Chatterley's Lover" den Papst (und das Eheverständnis der katholischen Kirche allgemein) gegen platte "der hat ja keine Ahnung"-Angriffe in Schutz genommen: der Papst habe viel mehr Ahnung, auf welcher tiefen Verbindung eine Ehe zwischen Mann und Frau wirklich aufbaue und was Liebe bedeute, als etwa die von G. B. Shaw beschworene "Chief Prostitute of Europe" hätte. Lawrence verurteilt in dem Text übrigens auch die oberflächliche, nervöse, und schlussendlich kalte Sexualisierung und Frivolisierung der zwischengeschlechtlichen Beziehungen in der modernen Zeit und plädiert für eine tiefe persönliche Hingabe, die er als einzige tragfähige Basis einer dauerhaften Beziehung ansieht und der er sogar gesellschaftserneuernde Kräfte zuspricht.

5/07/2005 12:58:00 AM  

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