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Freitag, 16. November 2007

Vater+Tochter=Keuschheit?

Zuerst sind jedoch die Väter dran: Im kerzenbeschienenen Ballsaal, der wie für eine Hochzeit geschmückt ist, unterschreiben sie eine „Reinheits-Verpflichtung“. Darin heißt es, als „Hoher Priester“ werde der Unterzeichnende über die Keuschheit seiner Tochter wachen und selbst ein reines Leben als „Mann, Ehemann und Vater“ führen. Anschließend wird den mehr als zweihundert versammelten Töchtern symbolisch der Keuschheitsgürtel angelegt: „Dad, das ist der Schlüssel zu meinem Herzen. Hüte ihn bis zum Tag meiner Hochzeit“, flüstern die Mädchen, während sie ihren Vätern einen zierlichen Schlüssel übergeben.

Eine Geschichte, bei der es mir - muss ich gestehen - ziemlich kalt den Rücken hinunterläuft...

Jeder Leser dieses Blogs weiß, was ich für eine hohe Meinung von Keuschheit habe und was für ein Geschenk es für mich war, die christliche Keuschheit kennenzulernen und leben zu dürfen.

Doch mit dieser Sache hier habe ich ein Problem. Sie blendet nämlich aus, dass jeder Mensch schlussendlich für sich selber verantwortlich ist. Sie blendet aus, dass letztlich das Mädchen ihre Keuschheit selbst bewahren muss - durch Annahme ihres Leibes, ihrer Sexualität, des großen Planes Gottes für Liebe und Ehe. Kein Vater kann das für sie leisten. Sie muss sich nur mal mit ihm zerstreiten, eine innere Distanz zu ihm gewinnen - und schon besteht die Gefahr, dass sie sich aus lauter Trotz "einem Anderen" in die Arme schmeißt.

Darin besteht für mich nämlich die weitere Problematik solcher Veranstaltungen: die unterschwellige Sexualisierung der Vater-Tochter-Beziehung. Die Tochter wird quasi als sexueller Besitz des Vaters bei der Hochzeit von diesem an den Ehemann übergeben. Das ist genau jener "Gütertausch" zwischen Männern, den die Feministinnen der Siebziger sehr zu Recht analysiert und kritisiert haben.

Überdies finde ich diesen ganzen Zugang zur Keuschheit auch alles andere als christlich. Wenn die hier nicht von Jesus, sondern von Allah oder den indischen Göttern reden würden, würde es wohl gar nicht auffallen. Denn gerade von dem - Frauen als bloß passive Objekte im "Gütertausch" zwischen Vater und Ehemann zu betrachten - hat uns doch das Christentum in einer gewissen Weise befreit! (Nicht vollständig natürlich, ich weiß.)

Das Mädchen, das selbst entscheidet, ob sie heiratet oder nicht - vor dem Christentum undenkbar! Die Ehe, die als "Ja" zwischen den Ehegatten konstituiert ist, nicht als großangelegter Sippenplan - ebenso undenkbar. Die große Zahl der frühchristlichen Märtyrerinnen, die gerade dafür starben, selbst zu bestimmen, ob sie heirateten, ist dafür ein gutes Indiz. (Zur Weiterführung empfehle ich das einleitende Kapitel von La femme au temps des cathédrales der französischen Mediävistin Régine Pernoud.)

Diese erneute Übertragung der "Verfügungsmacht" über den Leib der Tochter an den Vater (wenn auch neuzeitlich gemildert) ist deswegen meines Erachtens - trotz aller guten Absichten - letztlich ein Rückschritt in die heidnischen Einstellung: die Tochter quasi als "Ehrenträgerin" der Familie. Natürlich ist das hier durch Vergebung "christlich" abgemildert - selbst die "gefallene" Tochter bekommt noch eine Chance. Nur über Eigenverantwortung, freien Willen und der persönlichen Beziehung zu Jesus Christus redet man hier offenbar kaum.

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2 Comments:

Blogger Le Penseur said...

@Petra:
Das Mädchen, das selbst entscheidet, ob sie heiratet oder nicht - vor dem Christentum undenkbar!
Tut mir leid, aber das stimmt nicht ganz. im alten Ägypten z.B. war die junge Frau praktisch frei in der Entscheidung, wann und wen sie heiraten wollte. Und gerade auch in christlichen Gesellschaften war es bis in 19. Jahrhundert (d.h.: bis zum Einsetzen der Säkularisierung der, insbes. städtischen, Gesellschaft) keineswegs so, daß Mädchen in der Heiratsentscheidung frei waren. Das alles ist erst das recht junge Produkt bürgerlicher Kleinfamilienkultur — mit Christentum hat das alles recht wenig zu tun!

Zur "Keuschheitsstory": ich gebe Ihnen recht, daß das alles ziemlich schräg wirkt! Aber was soll man bei den Amis sonst erwarten. Einer Nation, die bedenkenlos in fremde Staaten einmarschiert, aber in spastische Zuckungen verfällt, wenn von Janet Jackson im TV ein (von einem goldenen Stern verhüllter) Nippel zu sehen ist — huch!!!! —, ist ohnehin nicht mehr zu helfen ...

11/18/2007 08:36:00 PM  
Blogger bee said...

Da gruselt es mich auch. Und ich gebe Dir recht, es ist das gleiche alte Spiel mit Mädchen, was von fast allen Gesellschaften, egal mit welchem weltanschaulichen Überbau, gespielt wird.
Mädchen oder Frau darf nicht selber die Entscheidung treffen wieviel körperliche Nähe oder Distanz zu welchem Zeitpunkt sie möchte. Das jeweilige soziale Umfeld bestimmt. Entweder, so lange wie möglich jungfräulich zu bleiben oder "die Sache" bis zu einem bestimmten Zeitpunkt hinter sich zu bringen.

11/19/2007 08:21:00 PM  

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